Noch vor wenigen Jahren galt eine Lieferzeit von ein bis zwei Wochen als völlig normal. Die Digitalisierung hat das grundlegend verändert – und Amazon hat die Erwartungshaltung der Konsumenten mit seinen High-Speed-Lieferungen weiter in die Höhe geschraubt. Wer heute online bestellt, erwartet die Ware spätestens am übernächsten Tag. Nur in Ausnahmefällen ist man geduldiger.
Das sind Entwicklungen, die jedes Unternehmen berücksichtigen muss, das erfolgreich digital handeln möchte. Besonders hoch sind die Ansprüche bei der Lieferung von Lebensmitteln. Eine Studie von KPMG in Kooperation mit dem EHI aus September 2025 zeigt: Bereits jeder Fünfte nutzt Online-Lieferdienste für Lebensmittel. Kunden erwarten durch diese Dienste vor allem Zeitersparnis, Bequemlichkeit und eine allgemeine Erleichterung des Alltags. Lieferdienste wie Flink, Wolt oder Amazon Fresh versprechen in Großstädten Lebensmittellieferungen innerhalb kürzester Zeit und prägen damit den Begriff des Quick Commerce.
Was bedeutet Quick Commerce?
Quick Commerce – kurz Q-Commerce – treibt den E-Commerce auf die Spitze: Statt Tagen vergehen nach der Bestellung nur Minuten, bis Lebensmittel, Getränke oder Alltagsartikel an der Tür stehen. Charakteristisch für diesen Onlinehandel sind folgende Parameter:
- Sehr schnelle Lieferung in weniger als 1 Stunde (oftmals innerhalb von 10 min)
- Warendepots – sogenannte Dark Stores – in innerstädtischen Wohngebieten
- Lieferung per E-Bike
- Begrenzte Liefergebiete (meist nur Stadtzentrum, keine Randbezirke)
- Begrenztes Sortiment von typischerweise 800 bis 2.500 Produkten
Info
Update 2025/26: Der Quick-Commerce-Boom von 2021/22 ist weitgehend vorbei. Viele der damals gehypten Anbieter wie Gorillas (2022 von Getir übernommen und eingestellt) und Getir selbst (2024 Rückzug aus Deutschland) existieren nicht mehr. Der Markt hat sich konsolidiert: Heute dominieren etablierte Supermärkte wie Rewe und Edeka mit eigenen Express-Services sowie Amazon Fresh den Markt für schnelle Lebensmittellieferungen. Die folgenden Ausführungen beschreiben die Entwicklung des Quick Commerce und zeigen, welche Lehren KMU daraus ziehen können.
Wie hat sich der Markt entwickelt?
Deutschland: Boom, Krise, Konsolidierung
Der deutsche Quick-Commerce-Markt hat eine turbulente Geschichte hinter sich. In den Pandemiejahren 2021 und 2022 schossen Anbieter wie Gorillas, Getir und Flink aus dem Boden – befeuert von Risikokapital und einer Nachfrage, die durch Lockdowns künstlich beschleunigt wurde. Das Geschäftsmodell war von Anfang an fragil: Um konkurrenzfähig zu sein, mussten die Anbieter ihre Produkte zu Supermarktpreisen verkaufen, gleichzeitig aber ein teures Netz aus Dark Stores, Kurieren und Logistik betreiben. Ohne massive Kapitalzuschüsse war das strukturell nicht profitabel.
Die Konsequenz: Gorillas wurde 2022 von Getir übernommen, Getir zog sich 2024 aus Deutschland zurück. Als einziger originärer Anbieter ist Flink übrig geblieben – allerdings mit grundlegend verändertem Modell. Statt 10-Minuten-Versprechen und unkontrolliertem Wachstum setzt Flink heute auf operative Disziplin: Mindestbestellwerte, Liefergebühren, längere Lieferfenster von rund 30 Minuten und den gezielten Einsatz von KI zur Bestandsverwaltung.
International: Wo der Boom noch läuft
Das globale Bild ist deutlich dynamischer. In Indien hat sich Quick Commerce zu einem der am schnellsten wachsenden Konsuminternet-Segmente entwickelt. Die drei führenden Plattformen Blinkit, Swiggy Instamart und Zepto kontrollieren über 85 Prozent des Marktes und liefern in Großstädten tatsächlich innerhalb von 10 Minuten. Dennoch sind auch hier die Risiken real: Alle Hauptanbieter schreiben noch Verluste.
In den USA ist der Markt reifer und konsolidierter. Instacart gelang es 2024 als einem der wenigen Anbieter, profitabel zu werden. DoorDash und Wolt erreichten 2025 gemeinsam einen Bestellwert von über 100 Milliarden US-Dollar.
Was erwarten Kunden heute?
Der Aufstieg des Quick Commerce zeigt, dass sich die Erwartungshaltung an den Handel rasant verändert. Die KPMG-Studie vom September 2025 liefert dazu konkrete Zahlen:
- Fast ein Viertel (24 Prozent) der jüngeren Konsumenten zwischen 18 und 33 Jahren nutzt Online-Lieferdienste von Lebensmittelhändlern bereits regelmäßig.
- Bei den 50- bis 65-Jährigen ist es mit 12 Prozent nur halb so viel.
- In urbanen Gebieten werden Online-Lieferdienste im Schnitt 3,5-mal häufiger genutzt als auf dem Land.
Als zentrale Hürden für eine breitere Nutzung nennen die Studienteilnehmer die fehlende Möglichkeit, Produkte selbst auszusuchen, Zweifel an der Frische sowie Zusatzkosten durch Liefer- und Servicegebühren. Nachhaltigkeitsbedenken spielen ebenfalls eine Rolle, landen in der Wahrnehmung aber auf Platz vier.
Gleichzeitig zeigt die KPMG-Studie, dass ein Drittel der Konsumenten in den kommenden Jahren häufiger Lebensmittel online einkaufen möchte – ein klares Signal für weiteres Wachstumspotenzial.
Die wichtigsten Vorteile sind laut den Befragten Zeitersparnis, Bequemlichkeit und die allgemeine Entlastung im Alltag.
Für welche Händler lohnt sich Quick Commerce?
Nicht jeder Händler muss ein eigenes Quick-Commerce-Modell aufbauen – aber jeder sollte verstehen, wann es sich lohnt und wann nicht.
Günstige Voraussetzungen bestehen, wenn folgende Faktoren zusammenkommen:
- Das Produkt hat einen zeitlich dringenden Bedarf – fehlende Kochzutaten, Getränke, Hygieneartikel oder Medikamente rechtfertigen eine Expresslieferung. Ein Flachbildschirm oder ein neues Sofa tun das nicht.
- Die Zielgruppe ist urban und digital-affin – Quick Commerce funktioniert in verdichteten Innenstadtlagen. Ländliche oder suburbane Gebiete sind strukturell kaum wirtschaftlich zu versorgen.
- Das Produkt ist leicht und kompakt – der Geschwindigkeitsvorteil entsteht durch die E-Bike-Lieferung. Sperrige oder schwere Waren scheiden aus.
- Der Warenkorb erreicht einen sinnvollen Mindestbetrag – unter etwa 20 bis 25 Euro lässt sich eine Expresslieferung kaum profitabel gestalten.
Branchen, in denen Quick Commerce bereits aktiv genutzt wird:
- Lebensmittel und Getränke sind das Kernsegment. Hier haben sich Plattformpartnerschaften als Modell der Wahl etabliert – Rewe über Lieferando, Edeka und Penny über Wolt.
- Apotheke und Gesundheit ist das am schnellsten wachsende neue Segment. Dienste wie Mayd liefern rezeptfreie Medikamente in über 40 deutschen Städten innerhalb von 30 Minuten. Flink kooperiert in ausgewählten Städten mit stationären Apotheken. Shop Apotheke bietet mit dem „Now!"-Service Expresslieferungen in vielen Metropolregionen an. Besonderes Potenzial entfaltet das Modell in Verbindung mit dem E-Rezept.
Info
Für den B2B-Sektor sind bisher keine tragfähigen Szenarien entstanden. Die Logik des Impulskaufs, auf der Quick Commerce aufbaut, greift im Geschäftskundenumfeld nicht.
Dark Store vs. Plattformpartnerschaft: Was ist realistischer?
Für die meisten Händler ist ein eigener Dark Store unrealistisch. Die Investitionskosten sind hoch, die Logistik komplex, und die kritische Masse an Bestellungen pro Gebiet ist schwer zu erreichen. Plattformpartnerschaften über Lieferando, Wolt oder künftig möglicherweise eine konsolidierte Flink-Plattform bieten einen niederschwelligeren Einstieg: Der Händler liefert das Sortiment, die Plattform übernimmt Logistik, App-Infrastruktur und Kundenzugang. Der Trade-off ist eine geringere Marge und Abhängigkeit vom Plattformbetreiber.
Kosten, Kalkulation und Arbeitsbedingungen
Außerdem muss im Quick Commerce mit (sehr) spitzem Bleistift kalkuliert werden und es ist ein engmaschiges Netz an Fahrern und stationäre Depots nötig. Fahrräder und Ausrüstung müssen angeschafft, Lager angemietet und Kuriere bezahlt werden. Damit sich das Konzept rechnet, liegen die Verkaufspreise bei den Express-Lieferanten meist leicht über den Supermarktpreisen. Hinzu kommen eine Liefergebühr und eine Trinkgeld-Option.
Die Arbeitsbedingungen der Fahrer stehen weiterhin in der Kritik. Ihr Gehalt liegt oft nur knapp über dem Mindestlohn – nach Einführung der EU-Plattformarbeitsrichtlinie im Dezember 2024 sind viele Kuriere nun jedoch fest angestellt, was die Personalkosten bei Anbietern wie Wolt um bis zu 17 Prozent erhöht hat. Das erhöht den Druck, Liefergebühren anzuheben und Routen effizienter zu gestalten.
Was bedeutet das für Händler, die (noch) kein Q-Commerce anbieten?
Niemand kann die veränderte Erwartungshaltung ignorieren.
Quick Commerce hat die Messlatte für Liefergeschwindigkeit dauerhaft angehoben – auch für Händler, die gar keine Expresslieferung anbieten. Wer heute mehrere Tage Lieferzeit verspricht, muss das aktiv rechtfertigen, etwa durch besonders günstigen Preis, ein besonderes Sortiment oder eine starke Markenbindung.
Für KMU ohne eigene Logistik gibt es drei realistische Wege:
- Plattformpartnerschaft: Anbindung an bestehende Lieferplattformen wie Wolt oder Lieferando. Geringer Eigeneinsatz, dafür eingeschränkte Kontrolle über Preis und Kundenerlebnis. Bereits heute nutzen Feinkostläden, Getränkehändler und Apotheken diesen Weg.
- Same-Day-Delivery als Kompromiss: Wer keine 30-Minuten-Lieferung stemmen kann, kann mit verlässlicher Same-Day-Delivery viel Erwartungshaltung abdecken.
- Stationäre Stärke ausspielen: Der stationäre Einzelhandel hat einen strukturellen Vorteil, den kein Lieferdienst replizieren kann: die sofortige Verfügbarkeit ohne Wartezeit, persönliche Beratung und die Möglichkeit, Produkte selbst zu begutachten.
Ausblick: Wie entwickelt sich Quick Commerce weiter?
Der Hype ist vorbei – eine Rückkehr zum schuldenfinanzierten Wachstum um jeden Preis ist nicht zu erwarten. Was bleibt, ist ein reiferes Modell: Plattformpartnerschaften zwischen Händlern und Lieferdiensten ersetzen zunehmend das teure Pure-Play-Modell mit eigenem Dark-Store-Netz. Die Frage ist nicht mehr, ob schnelle Lieferung zum Standard wird – sondern wer die Infrastruktur dafür kontrolliert und zu welchen Konditionen Händler daran teilhaben können.
Neue Segmente gewinnen an Bedeutung. Der Apothekenbereich ist bereits aktiv. Weitere Kategorien mit dringendem Bedarf und kompakten Produkten – von Tiernahrung über Babyartikel bis hin zu Kosmetik – dürften folgen.
Lohnen kann sich Quick Commerce in Zukunft für alle Branchen, in denen nicht ein umfangreiches Sortiment oder ein besonders niedriger Preis im Vordergrund stehen, sondern die schnelle Verfügbarkeit. Der stationäre Einzelhandel muss sich dabei keine Sorgen machen, vom Quick Commerce ins Abseits gestellt zu werden – schließlich hat der Handel selbst die Mittel in der Hand, mit eigenen Digitalisierung im Einzelhandel seine Attraktivität zu pushen. Doch eines wird auch deutlich: Die akzeptable Lieferzeit verkürzt sich weiter. Händler, die das strukturell ignorieren, verlieren langfristig den Anschluss – nicht weil alle Kunden sofortige Lieferung wollen, sondern weil die, die es wollen, zu denjenigen wechseln, die es anbieten.